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Der Abschied aus Japan fällt mir immer schwer, viele Leute würden mich am liebsten ganz da behalten. Diesmal hat man sich jedoch eine ganz neue Finesse einfallen lassen, um mir das Gehen auch physikalisch zu erschweren: Den Taifun Nummer 18. Er kündigte sich schon einige Tage vorher in den Medien für meinen Abflugtag an, aber ich schenkte ihm wenig Beachtung, da ich schon einige Taifunwarnungen erlebt habe, aber noch nie irgendetwas passiert ist deswegen. Ganz anders diesmal: Ich bekam am Abend des 17. eine E-Mail von der Regionalfluggesellschaft, daß alle Inlandsflüge nach Tokyo-Haneda gestrichen wurden. Es hätte zwar genau eine Zugverbindung am Morgen gegeben, die ich stattdessen hätte nehmen können, aber das wäre sehr knapp geworden für einen internationalen Flug. Umsteigen innerhalb von sehr kurzer Zeit ist in Japan normalerweise zwar kein Problem, aber ich war mir unsicher, ob die Züge ihren Fahrplan einhalten können bei dem Wind. Meine leichte Panik wurde von meinen japanischen Freunden lachend kommentiert mit: Ich sei noch jung, was Taifune angeht. Die haben gut lachen, wenn langfristigere Reisepläne öfter so kurzfristig über den Haufen geworfen würden, würde das den Alterungsprozeß sicher beschleunigen. 
Ich entschied mich für einen Nachtbus nach Tokyo, in dem zum Glück kurzfristig noch Plätze frei waren. Der verschaffte mir im Vergleich zum Zug zwei Stunden mehr Luft am Morgen oder zumindest sollte er das. Also mußte ich mich früher verabschieden, wofür sich ein Essen im Restaurant anbot. Die Bedienung meinte nach einer halben Stunde, daß wir jetzt unsere letzte Bestellung machen könnten, da sie heute früher schließen - wegen dem Taifun. Das war ungünstig, weil noch 1,5 Stunden bis zur Abfahrt des Busses Zeit waren. Also ein Cafe: "Lieber Kunde, wir schließen in fünf Minuten wegen des Wetters. Aber Sie können noch Kaffee zum Mitnehmen bestellen." Wir lehnten dankend ab. Der letzte Ausweg war Starbucks, der zumindest noch eine halbe Stunde geöffnet hatte. Der Weg dorthin war wie aus einem apokalyptischen Film: Es bewegten sich massenweise Leute in die andere Richtung (hin zum Bahnhof), Läden schlossen (ich habe die meisten Läden dort noch nie geschlossen gesehen), Seitenstraßen waren wie leergefegt. Ich fragte mich, wie denn ein Bus fahren kann, wenn das so schlimm werden soll mit dem Taifun. Aber es ging. Strömender Regen bis Tokyo, aber der Wind war halb so wild.
Mit ca. 45 Minuten Verspätung angekommen zerstörte der Wind zunächst den Regenschirm beim Aussteigen, der danach aussah wie ein Windows-Computer nach Update-Zwangsneustart nach einem Tag nicht gespeicherter Arbeit. Es kamen Massen von Geschäftsleuten vorbei, die ihre Schirmreste wie Schwerter vor sich her trugen, die gerade in einer Schlacht gegen Außerirdische etwas gelitten haben. Klitschnaß im Bahnhof angekommen wollte ich ein Ticket für den Expreßzug zum Flughafen kaufen: "Es tut mir leid, aber der Zug fährt wegen des Taifuns heute Vormittag nicht." Sie beschrieb mir den Weg mit der Bummelbahn der unvorsichtigeren privaten Konkurrenz und meinte: "Passen Sie auf sich auf." So etwas habe ich noch nie gehört aus dem Mund einer Angestellten - es muß sich also um eine außergewöhnliche Situation handeln. Ich mußte innerlich fatalistisch grinsen - falls ich es überhaupt zum Flughafen schaffe, fliegt wahrscheinlich gar nichts.
Wenn man viel vom Umland von Tokyo sehen will und viel Zeit hat, dann sollte man unbedingt die Keihan-Linie von Nippori nehmen und vielleicht als Kontrastprogramm vorher mit Gepäck in die Ringbahn bei Berufsverkehr einsteigen - ähhh - einquetschen. Erstaunlicherweise erreichten wir das Ziel schon nach einer halben Stunde Verspätung, d.h. ich gehörte zu den wenigen Leuten, die sich nicht rennend zum Check-In begeben mußten. Ich mußte lachen, als unter meiner Flugnummer ein ganz anderer Flug angeschrieben stand, das hat sich bestimmt wegen dem Taifun geändert. Der Check-In ging schnell, da fast niemand da war und der Flug sollte (diesmal mit korrektem Ziel) sogar zur geplanten Zeit starten.
Der Start war genau so, wie er schon vorher aus dem Fenster zu beobachten war: Das Flugzeug hatte bereits am Boden Turbulenzen und durch die Kamera, die vorne am Flugzeug angebracht war, konnte man sehen, daß der Pilot sich viel Mühe gab, bei Vollgas irgendwie auf der Startbahn zu bleiben und die Flügel vom Boden wegzuhalten. In der Luft wurde schnell klar, wofür die Sitzgurte eigentlich gut sind - über den Wolken verwandelte sich dann das Himmelfahrtskommando in einen normalen Flug, der immer wieder durch Japanisch mit starkem russischen Akzent aufgelockert wurde.
Der Apokalypse gerade noch so entkommen.